Seminar Architekturjournalismus

Im Seminar „Städtebauliche Typologien – Werkstatt Architektur-Journalismus“ beschäftigen sich Studierende an der Professur Stadtquartiersplanung des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) praxisnah mit Architektur-Journalismus. Dozent ist Ulrich Coenen, promovierter Architekturhistoriker und ausgebildeter Tageszeitungsredakteur.
Die 18 Seminarteilnehmerinnen und Seminarteilnehmer recherchieren im Sommersemester 2026 unter seiner Anleitung und verfassen Beiträge über Architektur, Stadtplanung und Denkmalpflege. Dabei üben sie die zentralen journalistischen Darstellungsformen: Interview, Reportage, Architekturkritik und Fachbuchbesprechung.
Die erste Praxisaufgabe im Sommersemester 2026 führte die Studierenden direkt mit einer wichtigen Akteurin der baden-württembergischen Architekturszene zusammen: Dipl.-Ing. Bernita Le Gerrette, Landesgeschäftsführerin des Bundes Deutscher Architektinnen und Architekten (BDA). Sie studierte von 1997 bis 2004 Architektur an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart. Nach mehrjähriger Tätigkeit in Architekturbüros ist sie seit 2008 in Stuttgart und Karlsruhe in der Lehre tätig, unter anderem am KIT und an der Universität Stuttgart. Seit 2021 leitet sie die BDA-Landesgeschäftsstelle.
Nach intensiver Vorbereitung interviewten die Studierenden Bernita Le Gerrette gemeinsam und zeichneten das informative, 130-minütige Gespräch auf. Daraus sind vielschichtige und spannende Interviews entstanden.
Drei von Le Gerrette autorisierte Texte wurden nun gezielt für die Veröffentlichung ausgewählt. Sie beleuchten unterschiedliche, hochaktuelle Themenschwerpunkte:
Frauen in der Architektur
Junge Architektinnen und Architekten
Bauen im Bestand
Ausführliche Informationen zum Dozenten und zum Seminar finden Sie auf der Homepage unter dem Menüpunkt „Lehre“: https://ulrichcoenen.de
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Zwischen Abriss und Aufbruch
Bernita Le Gerrette erklärt im Interview, warum der Bestand oft keine Chance hat
Von Alena Blöchle
Abriss und Aufbruch, der aktuelle Konflikt in der Architektur: Da viele Investoren weiter auf Neubau setzen, geraten bestehende Gebäude zunehmend unter Druck. Gleichzeitig wächst die Kritik am Abriss funktionierender Bausubstanz, besonders in Zeiten von Klimakrise, Ressourcenknappheit und steigender Baukosten.
Im Gespräch erklärt Bernita Le Gerrette, Geschäftsführerin des Bundes Deutscher Architektinnen und Architekten (BDA) Baden-Württemberg, warum der Bestand dennoch oft keine Chance hat, welche politischen und rechtlichen Hürden Umbauten erschweren und welche Rolle Architekturverbände in dieser Entwicklung spielen.
Eines der größten Ziele des BDA schon seit seiner Gründung 1903 ist die Verbesserung der Qualität der gebauten Umwelt. Was bedeutet dieses Ziel und wie erreicht der BDA das?
Le Gerrette: Was Qualität der gebauten Umwelt bedeutet, ist ein dynamischer Prozess. Heute, in Zeiten knapper werdender Ressourcen bedeutet es wahrscheinlich etwas anderes als in den 1950er Jahren oder noch 1900. Dieses Ziel kann man nur erreichen, wenn man nicht nur innerhalb der Fachwelt diskutiert, sondern auch die Gesellschaft erreicht.
Mit welchen Instrumenten erreichen Sie sowohl Architekt*Innen als auch die Gesellschaft?
Le Gerrette: Wir haben in Stuttgart den BDA-Wechselraum, die Architekturgalerie des gesamten Landesverbandes, in der wir regelmäßig Ausstellungen anbieten, die sich bewusst nicht nur an ein Architekt*innenpublikum richten. Eine unserer erfolgreichsten Ausstellungen der letzten Jahre war die Ausstellung „Gefährdete Arten“, die wir 2023 eröffnet haben und die sehr viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat. Das war eine Ausstellung zu abrissgefährdeten Gebäuden in Baden-Württemberg, ein Thema, das wahnsinnig viele Menschen interessiert hat. Und das Thema ist immer noch sehr präsent. In Stuttgart gibt es gerade einen großen Aufschrei, weil die Buchhandlung Wittwer am Schlossplatz womöglich abgerissen werden soll. Das brutalistische Gebäude wurde 1970 nach einem Entwurf von Hans Kammerer und Walter Belz gebaut. Unsere Arbeit versucht deshalb immer auch, Themen ein Stück nach außen zu tragen. Das geschieht über die Zeitungen, unsere Publikationen, die Medien, unseren Instagram-Account und über die Aktivitäten, die wir anbieten. So erreicht man verschiedene Ebenen.
Das Bauen im Bestand gilt häufig als teuer und kompliziert. Was müsste sich für die Investoren aber auch für uns als Gesellschaft ändern, damit das Bauen im Bestand häufiger umgesetzt wird und architektonische Juwele, wie der Wittwer, nicht einfach abgerissen werden.
Le Gerrette: Da muss sich leider immer noch sehr viel ändern. Wir merken, dass wir in unserem Fachdiskurs, zum Beispiel an den Universitäten, viel darüber diskutieren. Man denkt deshalb oft, das Bauen im Bestand wird schon umgesetzt, aber die Realität in der Immobilienwelt sieht anders aus. Architekt*Innen und die Architekturinstitutionen haben dabei erschreckend wenig Stimme. Oft werden Geschäftshäuser abgerissen und es werden wieder Geschäftshäuser gebaut. Im Grunde ist der Leerstand damit vorprogrammiert, insbesondere in der momentanen gesellschaftlichen Entwicklung in Stuttgart. Ein Problem vieler Innenstädte ist, dass die innerstädtischen Bebauungsgebiete oft als Kerngebiete ausgewiesen sind. Da muss politisch was passieren, damit Wohnnutzungen stärker in den Innenstädten ermöglicht werden. Selbst wenn man den Wittwer zu Wohnungen umbauen wollte, ist es zum gegenwärtigen Zeitpunkt, auch von den Genehmigungen her, gar nicht möglich.
Welche weiteren Gründe erschweren den Erhalt und die Umnutzung zusätzlich?
Le Gerrette: Eine weitere große Hürde, die ich jetzt kennengelernt habe, betrifft das Baurecht. Bei gleichbleibender Nutzung gilt das Baurecht oder die Bebauungsordnung zum Zeitpunkt des Baus. Nach unseren Bauordnungen wird aber der Bestand bei einer Nutzungsänderung, zum Beispiel von Handeln zu Wohnen, als Neubau bewertet und es gilt die aktuelle Bauordnung. Es gibt noch viele andere Gründe. Neubau ist einfach viel planungssicherer. Außerdem müsste man beim Abriss das CO2 stärker in die Gesamtkosten einpreisen. Im Moment trägt es die Gesellschaft oder die zukünftige Generation.
Welche Lösungen für die genannten Probleme gibt es?
Le Gerrette: Es gibt gute Konzepte zur CO2-Einpreisung. Ganz vorne mit dabei, diese Themen aufzuarbeiten und zugänglich zu machen, sind die „Architects for Future“, die überall auch Ortsgruppen haben. Aber auch der Bundesverband bringt immer wieder gute Konzepte vor, um den Bestand mehr zu stärken. Baurechtlich spielt die Vereinfachung der Bebauungsordnung eine große Rolle, die Vereinfachung der Nutzungsänderungen sowie Regelungen und Mechanismen für die Wiederverwendung von Materialien. Außerdem gibt es große Initiativen der Architektenkammern und auch des BDA, die den Gebäudetyp E stärken wollen, durch den man in bestimmten Fällen von hohen Baustandards abweichen kann. Das sind Maßnahmen, die in die richtige Richtung gehen.
Was können Architekt*Innen für die Umsetzung dieser Ideen tun?
Le Gerrette: Die genannten Mechanismen sind noch nicht aktiv, daran arbeiten wir. Deshalb müssen wir starke Bündnisse schließen, mit Initiativen wie den „Architects for Future“ oder dem „Abrissmoratorium“. Der BDA hat federführend gemeinsam mit einem größeren Bündnis, zu dem auch die „Architects for Future“ gehörten, den „Abriss Atlas“ initiiert und betreut diesen. Außerdem war der BDA Teil der Initiative „House Europe“, einer Unterschriftensammlung im vergangenen Jahr, mit der versucht wurde, genügend Stimmen zusammenzubekommen, um den Bestandserhalt auf EU-Ebene stärker rechtlich zu verankern. Der BDA hat diese Initiative, eher in seiner baukulturellen Ausrichtung, durch eine Wanderausstellung unterstützt, bei der beispielhafte Umbauprojekte gezeigt wurden. Die Initiative hat leider nicht die geforderte Stimmenanzahl erreicht. Momentan gibt es eine Auswertungsphase, in der überlegt wird, wie man in diesen Themen schlagkräftiger wird.
Ein weiteres Instrument könnte auch die kommende Internationale Bauausstellung 2027 (IBA´27) in Stuttgart sein, die unter dem Motto „Um Bauen!“ steht. Welches Projekt hat am meisten Potential, wie die Weißenhofsiedlung, noch in 100 Jahren in Erinnerung zu bleiben?
Le Gerrette: Das ist eine gute Frage. Die Weißenhof-Siedlung, kommt aus einer ganz anderen Zeit. Damals herrschte eine Aufbruchsstimmung, neue Menschen, die neue Häuser brauchten, eine neue Welt, eine neue Architektur. Heute befinden wir uns in anderen Zeiten, mit Themen der Ressourcen- und Energieknappheit, so dass ich denke, um Leuchtturmprojekte, bei denen man sagt, „Das hat Architekturgeschichte geschrieben“, geht es heute gar nicht. Nichtsdestotrotz behandelt die IBA durch tolle Projekte wichtige Themen, wie die Wiederaufwertung einer heruntergekommenen Wohnsiedlung am Rotweg, in Stuttgart-Zuffenhausen oder die Konversion des Industrieareals Neckarspinnerei zu einem gemischt genutzten Quartier. Die Umnutzung von Industriearealen wird in nächster Zeit auch für den Raum Stuttgart ein großes Thema sein, besonders am Neckar bei Untertürkheim und Esslingen. Ich hoffe also, dass die IBA nachwirken und dass man Impulse setzt, die auch für die Zukunft von großer Bedeutung sein werden.
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Jung und ausgezeichnet
ArchitektInnen zwischen Tatendrang und Hindernissen
Von Alena Bischoff
Junge ArchitektInnen brauchen dringend mehr Sichtbarkeit. Wie der max40 als Förderpreis für ArchitektInnen unter 40 Jahren genau diese Bühne bietet, erklärt Bernita Le Gerrette, Geschäftsführerin des Bund Deutscher Architektinnen und Architekten (BDA) Baden-Württemberg. Nach Stationen in Architekturbüros und in der Lehre – unter anderem in der Architekturtheorie – verantwortet sie heute Podiumsdiskussionen, Veröffentlichungen, Ausstellungen sowie Auszeichnungen des Landesverbands. Aus nächster Nähe beobachtet sie, mit welchem Engagement, Mut und neuen Ansätzen eine junge Generation sich den Herausforderungen der Zukunft stellt.
Vor welchen Herausforderungen stehen besonders junge Büros in der heutigen Zeit?
Le Gerrette: Junge Büros stehen unter einem enormen Druck, denn der Zugang zum Markt ist aktuell stark erschwert. Unsere ursprünglich sehr starke Wettbewerbskultur hat in den letzten Jahren spürbar nachgelassen. Gleichzeitig beobachten wir einen klaren Trend hin zu großen Bürostrukturen. Wer über eine Infrastruktur von PR-Abteilung bis zum eigenen Wettbewerbsteam verfügt, hat ganz andere Möglichkeiten als Einzelpersonen oder kleine Teams. Für junge Büros bedeutet das: Sie müssen sich gegen Strukturen behaupten, die ihnen organisatorisch und finanziell weit überlegen sind.
Was kann jungen ArchitektInnen helfen, trotzdem Fuß zu fassen?
Le Gerrette: Entscheidend ist, dass junge Architektinnen nicht versuchen sollten, alles allein zu stemmen. Kooperationen und Vernetzung eröffnen heute die größten Chancen: Sei es, sich mit ehemaligen StudienkollegInnen zusammenzuschließen, früh den Kontakt zum BDA zu suchen oder sich bei anderen Gruppen wie Architects for Future zu engagieren. Darüber hinaus können auch große Büros eine wichtige Rolle spielen, indem sie kleinere in gemeinsame Wettbewerbsbewerbungen einbinden. Aktuell eröffnet sich zudem eine häufig unterschätzte Möglichkeit: In Baden‑Württemberg stehen viele Büros kurz vor einem Generationswechsel, weil ihre InhaberInnen zwischen 60 und 65 Jahre alt sind. Für junge ArchitektInnen kann eine Büroübernahme ein direkter Weg in die Verantwortung und Selbstständigkeit sein. Es bietet sich die Chance, etablierte Strukturen mit eigenen neuen Ideen weiterzuführen.
Wie fördert der BDA selbst ganz konkret den Architekturnachwuchs?
Le Gerrette: Die Nachwuchsförderung ist ein zentraler Arbeitsschwerpunkt. Ein wichtiger Baustein dabei sind die Studienpreise, die fast jeder Landesverband vergibt. In Baden-Württemberg hat sich neben dem Hugo Häring-Preis mittlerweile auch Die Jungen Hugos etabliert. Sie bilden eine hervorragende Möglichkeit für junge ArchitektInnen ihre Arbeit sichtbar zu machen und sich zu vernetzen. Darüber hinaus stellen wir unsere Verbandszeitschrift „Die Architekt“ Studierenden zur Verfügung, indem sie an fast allen Lehrstühlen im deutschsprachigen Raum ausgelegt wird. So erreichen wir früh jene, die später in die Berufspraxis einsteigen werden. Ergänzend bieten wir praxisnahe Seminare zur Bürogründung an, welche die ersten Schritte in die Selbstständigkeit nach dem Studium erleichtern. Mit der zukünftigen Einführung einer Juniormitgliedschaft arbeiten wir daran, künftig einen noch direkteren und niedrigschwelligen Zugang zum BDA zu schaffen.
Der BDA hat im Februar 2026 den Architekturpreis max40 für junge Architektinnen und Architekten verliehen. Welche Idee steckt dahinter?
Le Gerrette: Der max40 ist gezielt ein Förderpreis für junge ArchitektInnen. Daher auch der Name max40: Bewerben kann sich nur, wer maximal 40 Jahre alt ist. Eingereicht werden meist kleinere Bauaufgaben oder erste gebaute Gebäude der jungen Büros. Für viele bietet der Preis einen ersten, wichtigen Berührungspunkt mit dem BDA. Durch eine Auszeichnung kommt häufig die Frage auf: „Sind Sie eigentlich schon Mitglied im BDA?“ Das kann ein wichtiges Sprungbrett bilden.
Inwiefern kooperiert der BDA dabei mit anderen Landesverbänden?
Le Gerrette: Der Preis hat eine lange Tradition: Er entstand im Jahr 2000 aus einer Initiative des BDA Hessen und ist in den kommenden Jahren stetig weiter gewachsen. In diesem Jahr wurde er erstmals von zehn Landesverbänden gemeinsam ausgerichtet – ein starkes Signal für die bundesweite Bedeutung der Nachwuchsförderung. Parallel dazu existiert in einigen nördlichen Bundesländern der max45. Wir verfolgen die Idee, künftig diese Formate zusammenzuführen zu können und eine gemeinsame Altersgrenze zu definieren. Je mehr Verbände sich zusammenschließen, desto größer wird die Bühne und somit auch die Sichtbarkeit für junge ArchitektInnen.
Welche Chance sehen Sie darin, wenn junge ArchitektInnen mehr bauen?
Le Gerrette: Der max40 zeigt eindrucksvoll, wie viele neue Ideen in den jungen, engagierten Büros stecken. Die eingereichten Projekte bieten ein vielfältiges Repertoire vom sensiblen Arbeiten im Bestand bis hin zu innovativen Holzbauprojekten. Wer durch die Ausstellung der Einreichungen geht, erkennt sofort: Diese Büros nehmen eine klare Haltung ein, arbeiten verantwortungsvoll und zeigen neue Perspektiven auf. Darin liegt für mich eine enorme Hoffnung für zukünftige Entwicklungen.
Gibt es ein prämiertes Projekt, welches dieses neue Denken exemplarisch zeigt?
Le Gerrette: Ja, eines der ausgezeichneten Projekte stammt vom Stuttgarter Verein Adept e.V.. Die ersten Mitglieder haben bereits während ihres Studiums gemeinsam den Verein gegründet. Sie haben es sich zum Ziel gemacht, Leerstand temporär oder dauerhaft für Wohnzwecke nutzbar zu machen. Im Neckarspinnereiquartier Wendlingen konnten sie im Sommer 2024 für mehrere Monate ein Probewohnen in einer alten Industriehalle realisieren. Mit den dafür entwickelten adaptiven Modulen lässt sich nun auch an anderen Orten weiter experimentieren. Für mich zeigt dieses Projekt sehr deutlich, wie mutig und erfinderisch junge ArchitektInnen an die drängenden Fragen unserer Zeit herangehen.
Denken Sie junge Büros sind den Herausforderungen des Bauens im Bestand besser gewachsen als bereits langjährig etablierte?
Le Gerrette: Ich habe tatsächlich den Eindruck, dass junge Büros hier oft besonders offen und flexibel agieren. Diese offene Denkweise entsteht unter anderem auch durch die Nähe zur Lehre, zu neuen Methoden und den aktuellen Diskursen. Gleichzeitig ist die Gesamtsituation für eine Selbstständigkeit gerade sehr anspruchsvoll. Doch gerade in dieser schwierigen Lage zeigt sich, wie anpassungsfähig junge Büros sind. Mit zunehmender Berufserfahrung und Routine kann diese Flexibilität auch erhalten bleiben, aber sie ist in der frühen Phase oft besonders ausgeprägt. In der Zusammenarbeit und dem Voneinander-Lernen liegt ein großes Potenzial für das Bauen im Bestand.
Was ist Ihr Wunsch an die nächste Generation von Architektinnen und Architekten?
Le Gerrette: Ich wünsche mir, dass besonders Architektinnen sich häufiger trauen die Herausforderungen zu wagen. Es gehört zum Prozess dazu, dass man manchmal für etwas kämpft, das am Ende nicht gelingt. Entscheidend ist es, sich davon nicht entmutigen zu lassen. Es gibt auch immer Momente, die von Erfolg gekrönt sind und in denen sich der Mut gelohnt hat. Dabei hilft es sehr, mit Leidenschaft bei der Sache zu sein, denn Architektur braucht Menschen, die brennen, die neugierig bleiben und die Verantwortung übernehmen wollen. Ein letzter Punkt liegt mir besonders am Herzen: Junge Architektinnen und Architekten sollten kooperieren, sich vernetzen, zusammenschließen. Gemeinsam erreicht man mehr als allein!
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„Seien Sie lauter“
Bernita Le Gerrette spricht im Interview über Frauen in der Architektur, weibliche Führung und strukturelle Hürden
Von Emma Witzel
Die Architekturbranche gilt noch immer als stark männlich geprägt. Besonders in Führungspositionen, Verbänden und beruflichen Netzwerken zeigen sich Strukturen, die nur schwer aufzubrechen sind. Bernita Le Gerrette, Landesgeschäftsführerin des Bund Deutscher Architektinnen und Architekten (BDA) Baden-Württemberg, spricht über strukturelle Ungleichheiten, weibliche Führung und die Frage, wie sich tradierte Institutionen verändern lassen.
Frau Le Gerrette, nur 12,6 Prozent der Mitglieder des BDA Baden-Württemberg sind Frauen – obwohl mittlerweile rund 58 Prozent der Architekturstudierenden weiblich sind. Wie erklären Sie sich diese Diskrepanz?
Le Gerrette: Das ist tatsächlich eines der gravierenden strukturellen Probleme, vor denen der BDA steht, und auch ein persönliches Herzensthema von mir. Der Frauenanteil ist, egal wie man darauf blickt, viel zu niedrig. Die Ursachen dafür sind vielfältig und verstärken sich gegenseitig ungünstig. Ein Teil des Problems sind die bestehenden Berufungskriterien im BDA. Sie orientieren sich stark an klassischen Karrierewegen – also Wettbewerbserfolgen, Publikationen oder gebautem Werk – und spiegeln dadurch häufig männlich geprägte Berufsbiografien wider. Diese Strukturen zu verändern, ist ein langsamer und mühsamer Prozess, da der BDA zugleich darauf achten muss, seine hohen Qualitätsansprüche nicht aufzuweichen.
Sehen Sie auch Ursachen außerhalb des Verbands?
Le Gerrette: Ja, auch gesellschaftliche Faktoren spielen eine Rolle: Frauen gründen seltener eigene Büros, arbeiten häufiger in Teilzeit oder unterbrechen ihre Karriere durch Care-Arbeit und Familie. Gleichzeitig beobachte ich oft, dass Frauen Netzwerke anders bewerten als Männer. Letztere sehen den Nutzen solcher Verbände häufig selbstverständlicher, während Frauen oft erst überzeugt werden müssen, was ihnen ein Netzwerk, wie der BDA es einem bieten kann, an Vorteilen bringt.
Welche Maßnahmen ergreift der BDA, um Geschlechtergerechtigkeit zu fördern?
Le Gerrette: Im vergangenen Jahr haben wir das WIA Festival (Women in Architecture) intensiv genutzt und mehrere Ausstellungen zu Architektinnen organisiert. Außerdem veranstalte ich gemeinsam mit dem BDA Hessen seit vier Jahren zweimal jährlich ein Seminar zur Selbstständigkeit, einmal davon explizit für Frauen. Zusätzlich haben wir Workshops zum Thema Female Leadership angeboten und ein Mentoring-Programm für Architektinnen aufgebaut, die sich selbstständig machen möchten. Trotzdem bleibt die Veränderung bestehender Strukturen ein sehr mühsamer Weg. Wir verfolgen im Grunde eine doppelte Strategie: Einerseits geht es um Empowerment, andererseits darum, bestehende Strukturen zu verändern.
Mit Liza Heilmeyer-Birk als Vorsitzender, Caroline Reich als stellvertretender Vorsitzenden und Ihnen als Landesgeschäftsführerin wird der BDA Baden-Württemberg derzeit maßgeblich von Frauen geführt. Ist das ein Alleinstellungsmerkmal im Vergleich zu anderen Landesverbänden?
Le Gerrette: Das ist tatsächlich erstmalig in Baden-Württemberg. Vor fünf Jahren sah das noch ganz anders aus. In den Gremien war der Frauenanteil lange sehr gering. Inzwischen wandelt sich das zunehmend – auch auf Bundesebene. Dort gab es mittlerweile eine Präsidentin des Bundes-BDA. Insgesamt wird heute stärker darauf geachtet, Gremien nicht mehr ausschließlich männlich zu besetzen. Das klingt selbstverständlich, war es aber lange nicht. Noch vor wenigen Jahren gab es viele Veranstaltungen oder Podiumsdiskussionen, auf denen ausschließlich Männer saßen. Das ändert sich zum Glück langsam.
Gab es in Ihrem eigenen beruflichen Werdegang Momente, in denen Sie gespürt haben, dass Geschlecht eine Rolle spielt und inwiefern hat sich ihr Blick auf Geschlechterrollen im Laufe Ihres Berufslebens verändert?
Le Gerrette: Ich habe Ende der 1990er- und Anfang der 2000er-Jahre Architektur studiert. Damals waren praktisch alle Professoren Männer – und wir haben das kaum hinterfragt. Für viele galt: Es zählt doch nur die Qualität der Architektur, nicht ob jemand Mann oder Frau ist. Mit der Zeit hat sich mein Bewusstsein dafür aber stark verändert. Nicht unbedingt, weil mir konkret Möglichkeiten verwehrt wurden, sondern weil man im Laufe der Karriere merkt, dass Frauen in höheren Positionen immer weniger werden.
Woran liegt es aus Ihrer Sicht, dass Frauen in Führungspositionen weiterhin unterrepräsentiert sind?
Le Gerrette: Ein großes Thema ist nach wie vor die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Viele Frauen steigen an bestimmten Punkten aus klassischen Karrierewegen aus oder reduzieren ihre Arbeitszeit. Dazu kommt eine soziale Prägung, die oft dazu führt, dass Frauen ihre eigene Kompetenz stärker hinterfragen. Das erleben wir auch beim BDA regelmäßig: Fragt man Frauen für Vorträge an, kommt häufig zuerst die Reaktion: „Ich weiß nicht, ob ich dafür wirklich die Richtige bin.“ Männer sagen dagegen oft sofort zu. Natürlich ist das überspitzt formuliert, aber diese Dynamik beobachte ich tatsächlich häufig. Deshalb wünsche ich mir, dass Frauen sich stärker zutrauen, sichtbarer zu werden und Herausforderungen einfach anzunehmen.
Wird innerhalb des BDA auch über eine Frauenquote diskutiert? - Und wie positionieren Sie sich dazu?
Le Gerrette: Ich beobachte mit großem Interesse, wie andere Landesverbände damit umgehen, insbesondere der BDA Berlin. Dort gibt es informell das Ziel, fünfzig Prozent Frauen zu berufen. Berlin ist allerdings ein völlig anderes Umfeld – mit anderen Bürostrukturen, mehr Kollektiven und alternativen Arbeitsmodellen. Baden-Württemberg ist deutlich klassischer geprägt. Deshalb setzen wir derzeit eher auf Empowerment und die Weiterentwicklung der Berufungskriterien. Eine starre Quote halte ich unter den aktuellen Bedingungen nicht für zielführend. Solange die bestehenden Kriterien – etwa Selbstständigkeit, Wettbewerbserfolge oder gebautes Werk – maßgeblich bleiben, würde eine Quote das grundlegende Problem nicht lösen. Außerdem gibt es aktuell schlicht noch nicht genügend junge Architektinnen in Baden-Württemberg, die diese Anforderungen erfüllen oder überhaupt eine Mitgliedschaft anstreben.
Was möchten Sie jungen Architektinnen und Architekten mit auf den Weg geben?
Le Gerrette: Gerade jungen Architektinnen würde ich gerne mitgeben, dass sie sich stärker trauen sollten, Herausforderungen anzunehmen und sichtbarer zu werden. Ich habe das auch in der Lehre oft erlebt: Studentinnen haben sich häufig weniger eingebracht oder waren zurückhaltender. Mein Appell wäre deshalb: Seien Sie lauter, werfen Sie sich stärker in diese Herausforderungen hinein. Und darüber hinaus: Bilden Sie Netzwerke, kooperieren Sie, schließen Sie sich zusammen. Das war wahrscheinlich schon immer wichtig, aber heute mehr denn je. Architektur funktioniert langfristig nur mit Leidenschaft, Zusammenarbeit und gegenseitiger Unterstützung.